Von Peter Azer
In einer Zeit, in der natürliche Lebensräume zunehmend zerstört werden, Tier- und Pflanzenarten verschwinden und ganze Ökosysteme unter Druck geraten, richtet sich der Blick der internationalen Gemeinschaft auf die armenische Hauptstadt Eriwan. Dort beginnt am 19. Oktober 2026 die 17. Weltnaturkonferenz unter dem Motto „Handeln für die Natur“. Im Mittelpunkt steht eine entscheidende Frage: Gelingt es der Weltgemeinschaft, ihre ambitionierten Versprechen zum Schutz der biologischen Vielfalt rechtzeitig in konkrete Maßnahmen umzusetzen?
Bis zum 30. Oktober beraten die Staaten erstmals umfassend darüber, welche Fortschritte bei der Umsetzung der 2022 verabschiedeten globalen Naturschutzziele erzielt wurden und wo zusätzliche Anstrengungen notwendig sind. Grundlage ist der Globale Biodiversitätsrahmen von Kunming-Montreal, mit dem sich die Staatengemeinschaft verpflichtet hat, den Verlust der biologischen Vielfalt aufzuhalten und die Wiederherstellung geschädigter Ökosysteme voranzutreiben. Ein zentrales Ziel sieht vor, bis 2030 mindestens 30 Prozent der weltweiten Land- und Meeresflächen unter Schutz zu stellen.
Doch zwischen politischen Zusagen und der tatsächlichen Entwicklung der Natur besteht weiterhin eine erhebliche Lücke. Zwar wurden neue Schutzgebiete ausgewiesen und erste Maßnahmen zur Wiederherstellung natürlicher Lebensräume umgesetzt. Eine grundlegende Trendwende ist bislang jedoch nicht erreicht. Der Verlust von Arten, die Zerstörung wertvoller Lebensräume und die Abholzung von Wäldern schreiten vielerorts weiter voran. Die Konferenz in Eriwan soll deshalb offenlegen, wo die bisherigen Maßnahmen Wirkung zeigen, welche Defizite bestehen und wie sich die internationalen Ziele bis zum Ende des Jahrzehnts noch erreichen lassen.
Die aktuellen Zahlen verdeutlichen die Dimension der Herausforderung. Weltweit stehen bislang 18,4 Prozent der Landfläche unter Schutz. In Küstengebieten und nationalen Meeresgebieten liegt der Anteil bei rund 23 Prozent. Besonders groß ist der Nachholbedarf auf der Hohen See, wo bislang lediglich etwa 1,7 Prozent der Flächen geschützt sind. Gerade diese Gebiete sind von entscheidender Bedeutung für das ökologische Gleichgewicht des Planeten, beherbergen einzigartige Lebensgemeinschaften und bilden einen unverzichtbaren Bestandteil des globalen Klimasystems.
Neben der Ausweitung von Schutzgebieten rücken auch wirtschaftliche und politische Rahmenbedingungen stärker in den Fokus. Der Schutz der biologischen Vielfalt ist bislang nur unzureichend in zahlreiche Wirtschaftssektoren integriert. Gleichzeitig fehlen vielerorts finanzielle Mittel, qualifiziertes Personal und wirksame Strukturen, um beschlossene Schutzmaßnahmen dauerhaft umzusetzen. Darüber hinaus fordern die internationalen Naturschutzziele, umweltschädliche Subventionen abzubauen und wirtschaftliche Anreize stärker auf den Erhalt natürlicher Lebensgrundlagen auszurichten.
Der deutsche Bundesumweltminister Carsten Schneider, der die deutsche Delegation leitet und in der zweiten Konferenzwoche nach Eriwan reisen wird, unterstreicht die unmittelbare Bedeutung intakter Ökosysteme für das menschliche Leben. Die Natur sei nicht nur schützenswert, sondern zugleich eine unverzichtbare Grundlage für Ernährungssicherheit, wirtschaftlichen Wohlstand und gesellschaftliche Stabilität. Bestäubende Insekten sichern die Erträge vieler Nutzpflanzen, fruchtbare Böden ermöglichen die Lebensmittelproduktion und natürliche Überschwemmungsflächen helfen, Hochwasserrisiken zu verringern.
Werden Arten verdrängt, Böden ausgelaugt und Wälder zerstört, hat dies weitreichende Folgen für die Menschen. Ernteausfälle, gestörte Lieferketten und zunehmende Risiken durch Dürren und Überschwemmungen können ganze Regionen wirtschaftlich und sozial unter Druck setzen. Auch die Zerstörung von Mangrovenwäldern und die Begradigung von Flüssen schwächen natürliche Schutzmechanismen, auf die zahlreiche Gemeinden dringend angewiesen sind. Der Erhalt der biologischen Vielfalt ist damit weit mehr als eine ökologische Aufgabe: Er ist ein wesentlicher Bestandteil einer vorausschauenden Sicherheits-, Wirtschafts- und Entwicklungspolitik.
Schneider mahnt deshalb zu einem entschlosseneren gemeinsamen Vorgehen. Die internationale Gemeinschaft habe zwar Fortschritte erzielt, müsse ihre Anstrengungen jedoch deutlich beschleunigen, wenn sie die vereinbarten Ziele bis 2030 erreichen wolle. Die bloße Ausweisung eines Schutzgebietes auf einer Landkarte reiche nicht aus, um Wälder, Korallenriffe oder andere empfindliche Lebensräume tatsächlich zu bewahren. Entscheidend seien ausreichende finanzielle Mittel, fachliches Wissen vor Ort, qualifiziertes Personal und eine starke Zivilgesellschaft, die den Schutz der Natur langfristig mittrage.
Ein wichtiger Schritt in diese Richtung ist das neue UN-Hochseeschutzabkommen über die biologische Vielfalt außerhalb nationaler Hoheitsgebiete, bekannt unter der englischen Abkürzung BBNJ. Es schafft erstmals einen umfassenderen internationalen Rahmen, um die biologische Vielfalt auf der Hohen See besser zu schützen und dort Meeresschutzgebiete auszuweisen. Diese Gebiete erstrecken sich über rund die Hälfte der Erdoberfläche und bilden das größte zusammenhängende Ökosystem unseres Planeten. Von majestätischen Walen bis hin zu empfindlichen Tiefseekorallen beherbergen sie eine außergewöhnliche Vielfalt an Lebewesen, deren Schutz bislang nur begrenzt durch einheitliche internationale Regeln gewährleistet werden konnte.
Mit dem Abkommen eröffnen sich neue Möglichkeiten, marine Lebensräume langfristig zu sichern, bedrohten Arten Rückzugsräume zu bieten und Fischbeständen Zeit zur Erholung zu geben. Damit kann es einen wichtigen Beitrag zum globalen Ziel leisten, bis 2030 insgesamt 30 Prozent der Meeresflächen unter Schutz zu stellen. Deutschland hat im September die Urkunde über seinen Beitritt zum Abkommen bei den Vereinten Nationen in New York hinterlegt und damit einen weiteren Schritt zur Stärkung des internationalen Meeresschutzes vollzogen.
Auch auf nationaler Ebene sieht sich Deutschland in der Verantwortung. Mit der Nationalen Biodiversitätsstrategie und dem Aktionsprogramm Natürlicher Klimaschutz wurden Grundlagen geschaffen, um Ökosysteme zu stärken und die biologische Vielfalt langfristig zu erhalten. Die entscheidende Aufgabe besteht nun darin, diese politischen Rahmenbedingungen konsequent in die Praxis umzusetzen und den Schutz der Natur stärker in gesellschaftliche und wirtschaftliche Entscheidungen einzubeziehen.
Die Weltnaturkonferenz in Eriwan steht damit vor einer wegweisenden Aufgabe. Sie muss zeigen, ob die internationale Gemeinschaft bereit ist, aus gemeinsamen Versprechen verbindliches und wirksames Handeln zu machen. Denn der Verlust biologischer Vielfalt kennt keine nationalen Grenzen – ebenso wenig wie seine Folgen. Ob Wälder, Meere, Böden oder Feuchtgebiete: Die Zukunft dieser Lebensräume entscheidet mit darüber, wie sicher, gesund und lebenswert die Welt von morgen sein wird. Bis 2030 bleibt nur wenig Zeit. Umso dringlicher ist es, den Schutz der Natur nicht länger als langfristiges Vorhaben zu behandeln, sondern als gemeinsame Verantwortung, die entschlossenes Handeln im Hier und Jetzt verlangt.
*Bild: ZUG/Jens Jeske





