Von Peter Azer

Es ist mehr als ein protokollarischer Besuch: Mit dem Treffen von Bundeskanzler Friedrich Merz und dem britischen Premierminister Andy Burnham in Berlin wollen Deutschland und das Vereinigte Königreich ihre Beziehungen auf eine neue, strategischere Grundlage stellen. Im Mittelpunkt stehen dabei nicht nur die formelle Ratifikation des sogenannten Kensington-Vertrags, sondern auch eine engere Zusammenarbeit bei Sicherheit, Technologie, Raumfahrt, Quantentechnologie und wirtschaftlicher Entwicklung.

Der Austausch der Ratifikationsurkunden im Bundeskanzleramt markiert einen wichtigen Schritt für die bilateralen Beziehungen. Der im Juli 2025 in London unterzeichnete Kensington-Vertrag soll die Zusammenarbeit beider Länder über ein breites Spektrum hinweg vertiefen, von Verteidigung und Sicherheit bis hin zu Wissenschaft, Technologie und Wirtschaft. Damit erhält die deutsch-britische Partnerschaft mehrere Jahre nach dem Brexit eine neue politische Dynamik. Berlin und London signalisieren, dass der Austritt Großbritanniens aus der Europäischen Union einer engen Zusammenarbeit mit Deutschland und Europa nicht im Wege stehen soll.

Besonders deutlich wird die neue strategische Ausrichtung bei der geplanten Partnerschaft gegen hybride Bedrohungen. Deutschland und Großbritannien wollen Informationen stärker austauschen, ihre Maßnahmen koordinieren und die Widerstandsfähigkeit kritischer Infrastruktur verbessern. Im Fokus stehen Cyberangriffe, Sabotage und andere Formen hybrider Einflussnahme. Beide Regierungen reagieren damit auf eine Sicherheitslage, in der Bedrohungen zunehmend unterhalb der Schwelle eines klassischen militärischen Konflikts stattfinden.

Für London ist die Botschaft ähnlich eindeutig: Angriffe auf Infrastruktur, Unternehmen und demokratische Institutionen werden nicht mehr als abstrakte Gefahr betrachtet. Die neue Kooperation soll deshalb nicht nur auf konkrete Angriffe reagieren, sondern auch die Fähigkeit beider Staaten stärken, solche Aktivitäten frühzeitig zu erkennen, einzudämmen und abzuwehren.

Neben der Sicherheit soll vor allem die technologische Zusammenarbeit zu einem neuen Motor der bilateralen Beziehungen werden. Geplant ist ein „Industrial Tech Corridor“, der britische Technologieunternehmen und deutsche Industrieunternehmen enger miteinander verbinden soll. Im Zentrum stehen zunächst Künstliche Intelligenz und andere kritische Technologien mit hohem industriellem Anwendungspotenzial. Damit soll die Distanz zwischen innovativen Start-ups und etablierten Industrieunternehmen verringert werden. Ziel ist es, aus technologischen Entwicklungen schneller konkrete industrielle Anwendungen, Investitionen und neue Arbeitsplätze entstehen zu lassen.

Die britische Regierung bezeichnete die Initiative als ersten deutsch-britischen Industrial Tech Corridor. Unterstützt wird sie unter anderem von großen deutschen Unternehmen wie Allianz, Bosch, RWE und Siemens.

Ein weiterer Schwerpunkt liegt auf der Quantentechnologie. Deutschland und Großbritannien wollen die finanzielle Unterstützung für gemeinsame Forschungs- und Entwicklungsprojekte auf insgesamt 19,5 Millionen Euro erhöhen. Fünf weitere Projekte sollen gefördert werden. Damit steigt die Zahl der unterstützten deutsch-britischen Forschungsvorhaben auf insgesamt zehn. Die Entscheidung zeigt, dass die Partnerschaft nicht allein auf klassische Sicherheitsfragen ausgerichtet ist. Berlin und London versuchen vielmehr, gemeinsam technologische Schlüsselbereiche zu besetzen, die für die industrielle Wettbewerbsfähigkeit Europas von strategischer Bedeutung sein könnten.

Auch im Weltraum wollen beide Länder enger zusammenarbeiten. Vorgesehen ist eine Kooperation, die zivile und kommerzielle Interessen ebenso umfasst wie Sicherheits- und Verteidigungsfragen. Ein entsprechendes Memorandum of Understanding soll bei den deutsch-britischen Regierungskonsultationen Anfang 2027 unterzeichnet werden. Kurzfristig soll insbesondere die Zusammenarbeit bei Raketenstarts und beim gesicherten Zugang zum Weltraum ausgebaut werden. Dabei spielt auch der britische SaxaVord Spaceport eine Rolle. Ziel ist ein widerstandsfähigerer und flexiblerer europäischer Zugang zum Weltraum.

Parallel zur sicherheitspolitischen Annäherung soll die wirtschaftliche Zusammenarbeit stärker in die Regionen getragen werden. Merz und Burnham brachten deshalb hochrangige Vertreter aus Wirtschaft und Industrie zu einem Regional Growth Forum zusammen. Im Mittelpunkt standen Investitionen, Innovation und